Hallo Björn!
Irgendwie sehen diese Zwerggarnelen optisch der wenig bekannten Caridina huananensis ähnlich.
Ich habe damals (nachdem mir ein Bekannter aus Ostasien geflüstert hatte, dass der Holotyp von
C. huananensis wohl aus dem Aquaristikhandel stammen dürfte, in der Erstbeschreibung wird leider nur "Guangdong" als Typusfundort angegeben) die Stellung dieser Art mit Prof. Guo ausgiebig disskutiert. Allerdings ohne konkretes Ergebnis, meine Meinung dazu war, dass für mich
C. huananensis nicht eindeutig von
C. breviata zu trennen wäre. Die Körpermerkmale sowohl von frisch importierten Wildfängen ohne interessante Körperfärbung als auch der als New Bee II oder von mir als Hummelgarnelen bezeichneten Tiere variierten für mich zu stark, als dass man die Tiere eindeutig einer Art zuordnen hätte können.
http://www.crusta10.de/templates/index.php?lang_id=1&showid=92&katid=0
Nach Infos sollen diese Tiere aus der Region der Caridina venusta stammen, dass schliesst die C. breviata wohl ein wenig aus.
Die Typusfundorte von
C. breviata und
C. venusta liegen gar nicht so weit auseinander. Beide befinden sich in der südchinesischen Provinz Guangdong.
In der Erstbeschreibung von
C. huananensis wird, wie bereits gesagt, kein genauer Herkunftsort genannt. Auf einer von Liang gezeichneten Karte liegt dieser aber auch im selben Gebiet.
In unserem Buch habe ich beim Eintrag für die Hummelgarnele darauf hingewiesen, dass sich hinter dieser Bezeichnung neben
Caridina breviata noch eine zweite, unbeschriebene Art verbergen dürfte. Dementsprechend mit Spannung wurde das Erscheinen der Publikation der chinesischen Wissenschaftler von uns erwartet bzw. mit Freude zur Kenntnis genommen.
Die anfängliche Freude über die Bestätigung meiner Daten ist aber bei genauerem Studium der Publikation rasch einer gewissen Ernüchterung gewichen. Weist die Arbeit von Wang, Liang und Li doch ein paar Ungereimtheiten auf, welche eine Beurteilung der Arbeit schwierig machen.
Zuerst mal ist den Fundortangaben zu entnehmen, dass alle 4 neuen Arten aus einem eng begrenzten Gebiet, 3 davon sogar aus ein und demselben Bachsystem, einem Zulauf eines Stausees stammen. Trotz des Umstandes, dass zumindest 3 Arten sich in der Lebendfärbung stark ähneln und alle 4 Arten sich auch morphologisch sehr ähnlich sind, wurden die 4 Arten nicht untereinander, sondern nur mit jeweils einer anderen Art vergleichen. Kein Vergleich erfolgte auch mit der ebenfalls aus der Region beschriebenen Art
Caridina breviata, obwohl hier augenfällige Übereinstimmungen bestehen. Dass diese Art in der gesamten Arbeit nicht erwähnt wird ist auch deshalb unverständlich, da die Erstbeschreibung dieser Art im Literaturverzeichnis ihrer Arbeit angeführt wird. Versucht man die 4 Arten untereinander bzw. mit
C. breviata zu vergleichen wird das dadurch erschwert, da bei den Abbildungen keine Angaben gemacht werden, ob diese vom Holotypen oder von einem Paratypen stammen, ob alle Abbildungen von einem Tier angefertigt wurden oder „typische“ Körperanhängsel verschiedener Exemplare als Vorlage verwendet wurden. In den Beschreibungen stoßen wir auf ein weiteres Problem. Bei vielen morphologisch- taxonomisch wichtigen Merkmalen wie den Längen und Breitenverhältnisse diverser Körperanhänge finden sich nur absolute Werte. Das ließe den Schluss zu, dass diese Angaben nur von den Abbildungen übernommen wurden und gibt keinen Aufschluss über die natürliche Schwankungsbreite bei den einzelnen Arten und möglichen Überschneidungen zwischen diesen. Bei den Angaben zu den untersuchten Tieren werden von den Autoren nur Angaben zur kaum sicher bestimmbaren (in Alkohol konserviert Garnelen sind immer mehr oder weniger gekrümmt und können kaum vermessen werden) Körperlänge (aber auch hier ohne Angabe wie diese gemessen wurde) gemacht, die in wissenschaftlichen Arbeiten zu Garnelen sonst immer angegebene Carapaxlänge wird aber nicht angegeben. An manchen Stellen stimmt auch die verbale Beschreibung nicht mit den Abbildungen überein, bei
C. meridionalis etwa wird das Endsegment der Antennenbasis als länger als das vorletzte beschrieben, lt. Abbildung ist dieses aber deutlich kürzer.
Eine Überprüfung der Angaben der Autoren wird auch dadurch erschwert, dass das gesamte Typusmaterial in deren Institut in Shanghai aufbewahrt wird. Eine Aufteilung eines Teils der Typusserie auf eine der großen, internationalen Referenzsammlungen etwa am Raffles Museum in Singapur oder dem Museum Naturalis in Holland wie in der Taxonomie heute üblich wurde nicht gemacht. Aus diesem Grund ist eine Neubearbeitung des Materials ohne Einbeziehung der Orginalautoren kaum möglich.
Dass die Arbeit etliche Schreibfehler enthält mag hier wie die schlechte englische Übersetzung nicht ins Gewicht fallen, solange die Aussagen/Daten klar interpretierbar bleiben.
Es ist für mich, nachdem ich selbst 2 Arbeiten bei der Zeitschrift Zootaxa publiziert habe einigermaßen unverständlich, warum auf diese Mängel nicht im Review Prozess aufmerksam gemacht und Korrekturen gefordert wurden.
Nach einer ersten Durchsicht der Arbeit hab ich natürlich versucht, die bisher von mir gesammelten Stämme und Importe von Hummelgarnelen bzw. deren Daten mit den Beschreibungen der 4 Arten zu vergleichen. Allerdings konnte ich keinen Stamm eindeutig einer dieser Arten zuordnen. Am ehesten passten die Merkmale der meisten Tiere zur Beschreibung vom
C. meridionalis. Immer fand ich ein oder mehrere Merkmale, die besser zu einer der anderen Arten passten. Grundsätzlich bin ich mir aber der Problematik bewusst, dass diese Arten offenbar relativ leicht mit andern näher verwandten
Caridina Arten wie den Tieren der
serrata Gruppe hybridisieren können oder sich bei der Zuchtauslese in den Becken der Züchter es auch zu einer morphologischen Selektion kommen kann. Deshalb besteht bei den Tieren aus der Aquaristik auch immer die Gefahr, dass man Merkmale findet, welche nicht zu den Tieren aus den natürlichen Biotopen passen. Wobei sich hier sicher auch die Frage aufdrängt, wieso sich dann in einem offensichtlich zusammenhängenden Gewässersystem die drei Arten (
C. maculata,
C. venusta und
C. tumida) zu genetisch eigenständigen Arten entwickeln konnten. Die Besiedelung unterschiedlicher Ökologischer Nischen (wir kennen ja die Habitate der drei Arten nur aus der knappen Beschreibung der Autoren, aus Luftbildern und Landkarten) könnte dies möglicherweise erklären.
Mit Freude habe ich deshalb etliche Wildfangtiere von 2 unterschiedlichen Fangorten entgegengenommen, die wir von der Fa. Dietzenbach erhalten haben. Die Tiere der beiden Fundorte unterschieden sich deutlich in der Lebendfärbung. Umso erstaunter war ich, dass ich mikroskopisch keine klaren Unterschiede zwischen den 2 Gruppen finden konnte. Die Tiere beider Fundorte glichen sich weitgehend. Wenn ich die Merkmale mit jenen der 4 neuen Arten verglich, war die größte Übereinstimmung wieder bei
C. meridionalis zu finden. Wurde auch die Beschreibung von
C. breviata hinzugezogen, passte diese aber eher noch besser zu den beiden Gruppen von Wildfangtieren.
Zusammenfassend reicht für mich die doch stellenweise unklare Datenlage nicht aus um zu entscheiden, ob es sich hier wirklich um 5 eigenständige Arten oder doch nur um eine relativ variable Art mit einer ausgeprägten Tendenz zur Bildung von Lokal- und Farbformen handelt. Und welche, nachdem der älteste Name Vorrang gewiesen würde, den Namen
C. breviata tragen müsste. Ein ähnliches Problem also, welches sich auch bei den Tieren der
serrata Gruppe zeigt und auch dort von den Wissenschaftlern kontroversiell diskutiert wird. Ich hoffe sehr, dass es uns, ev. in Zusammenarbeit mit Prof. Zhaoliang Guo vom Department of Animal Science des Foshan Science and Technology College, dessen Institut praktisch mitten zwischen den Typusfundorten der in Frage kommenden Arten liegt gelingt, in absehbarer Zukunft die Fundorte der Tiere zu besuchen, neues Material davon zu sammeln und ev. genetische Vergleiche der Tiere zu machen. Bis neue Daten vorliegen werde ich die 4 von den Chinesen vorgeschlagenen Arten zur Kenntnis nehmen, ihnen aber taxonomisch nicht folgen und die von mir bisher untersuchten Tiere weitgehend weiter als
Caridina breviata bezeichnen.
Nun aber noch zu deinem Bild:
Es ist bekannt, dass ich persönlich nicht allzuviel von der Körperfärbung zur Identifikation von Arten halte (ein Teil der Tiere aus den Zentralseen von Sulawesi mal ausgenommen). Wenn ich dein Bild aber mit den Farbfotos von Zhou Hang in der Bee Arbeit vergleiche, würde die Färbung am ehesten jener von
C. venusta entsprechen. Von
C. breviata gibt es keine mir bekannten Fotos oder Beschreibungen der Lebendfärbung von Tieren vom Typusfundort.
Wenn du ausreichend Nachwuchstiere von deinen Importtieren bekommst, kann ich dir aber anbieten, dass ich einige davon vermesse und dir eine Tabelle mit einer gegenüberstellung der Merkmale deiner Tiere mit jenen von den 4 neuen Arten, von
C. breviata und
C. huananensis erstelle. Dann kannst du versuchen, dir eine eigene Meinung dazu zu bilden.
Servus und Gute Nacht für heute
Werner