Hallo Michael,
Ich habe mir gestern diese Garnelen neu angeschafft, leider weis ich jetzt nicht was für eine Art es ist.
Nicht nur wenn es Wildfänge sind, sollte man wissen aus für Ursprungsgewässern die Tiere kommen bzw. welche Wasserwerte die Tiere gewohnt sind. Sonst kannst es schnell zu unerklärlichen Ausfällen kommen. Aber solche Infos kann man in der Regel kaum erwarten (leider).
Auch mein Händler konnte mir nicht sagen wie sie heißen, da er auch nur einen Fantasienamen mitgeteilt bekommen hat.
Ja klar, woher soll er den Artnamen auch wissen, wenn beim Großhändler oft nach Trivialnamen auf Stockliste geordert wird und/oder der Exporteur Wildfänge erst zusammensammelt (und dabei u.U. verschiedene, ähnlich aussehende Arten zusammenhaut) oder eine ähnlich aussehende andere Art aus Unwissenheit mit falschen Namen anbietet oder auf Grund des Aussehens nur einen Trivialnamen anbietet und zwischendurch aus dem Fenster schaut ob nicht eine passende wisenschaftliche Bezeichnung vorbeifliegt.
In seinem Becken war ihre Färbung mehr bläulich.
Bei mir haben sich manche verfärbt.
Sie sind teilweise transparent oder bräunlich.
Es gibt viele Arten, die sich stimmungsabhängig (z.B. neue Wasserwerte, Stress durch Fressfeinde) ausfärben. Wobei nach meinen Erfährungen blau nicht immer "ich fühl mich jetzt mal sauwohl" bedeutet. Aber da darf nicht verallgemeinert werden. Es gibt auch auch in natürlichen Habitaten blau gefärbte Tiere. Ein anderer Aspekt ist der Bodengrund, einige Arten können sich hier der Färbung gut anpassen (dunkel=dunkel). Frei nach dem Motto: Du siehst mich nicht von oben, also kannst du mich auch nicht fressen.
Auch sind tragende Tiere von ansonsten eher transparenten Arten oft durchaus kräftiger oder in diesem Zustand sogar bausschließlic ansprechend gefärbt.
Vielleicht weis jemand von euch wie sie heißt.
Sicher nicht, siehe weiter unten.
Ich meine aber, es handelt sich um eine Neocaridina Art.
Woraus schließt Du das?
Habe euch mal 2 Bilder von einer hochgeladen
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Eine verläßliche Artenbestimmung von Garnelen selbst über ein noch so gutes Foto ist nicht möglich! Dies gilt insbesondere für Zwerggarnelen!
Was zeigt uns das Foto? Eine Garnele! Wir können grob unterscheiden, ob es sich um eine Zwerggarnele, eine größere Fächergarnele oder um eine Großarmgarnele handelt und sie in die entsprechende Familie/Gruppe einstufen. Bei sehr guten Makroaufnahmen können wir u.U. bei Zwerggarnelen noch die das Rostrum mit der Bezahnung und vielleicht die Länge des Stylozeriten erahnen. Das war es dann aber auch. Welche Art? Eben eine von den aktuell ca. 275 Caridinas oder vielleicht doch eine der ca 25 Neocaridinas oder doch noch was ganz anderes aus den übrigen Gattungen oder eventuell eine bislang noch nicht beschriebene Art?
Was benötigen wir für eine halbwegs verläßliche Zuordnung?
- Da wäre zuerst einmal ein halbwegs genauer Fundort sehr hilfreich, um die anschließende Recherche eingrenzen zu können. Doch der ist in der Regel spätestens beim Importeur nicht mehr bekannt.
- Einige männliche Exemplare. Viele Arten (aber auch Gattungen) sind sich in den morphologischen Merkmalen so ähnlich oder variabel, dass eine Abgrenzung nur über die Ausbildung der Anhänge an den ersten beiden Schwimmbeinpaaren (Pleopoden) männlicher Tiere erfolgen kann. Dies sind quasi die Geschlechtsorgane der Garnelen, die zu den entsprechenden Anhängen weiblicher Tiere passen sollten (Spermatophorenübergabe) und so eine Hybridisierung vermeiden sollen (aber nichts ist unmöglich). Gerade
Neocaridina läßt sich so von
Caridina abgrenzen.
- Allgemein wird das Rostrum mit seiner Bezahnung, Länge und Ausformung als wichtiges Merkmal angesehen. Dieses Merkmal kann aber nur als grobe Zuordnung zu einer Arten-Gruppe dienen. Einige Arten sind hier äußerst variabel, bei anderen ist die Ausbildung auch geschlechtsabhängig.
- Ein langes Stylozerit (das ist eine markante Hornschuppe im Kopfbereich), welches länger ist als das erste Basissegment der Antennen (also des einen Fühlerpaares) kann durchaus hilfreich sein. Diese Merkmal besitzen einerseits Arten aus der Gruppe um
C. serrata (Biene, Tiger...), aber auch
C. serratirostris und
C. celebensis (u.a. Ninja-Garnele, hübsch, momentan aber kaum züchtbar). Die Unterschiede der letzten beiden Arten bestehen u.a. in den Proportionen der drei Antennenbasissegmente zueinander!
Dieses Merkmal innerhalb der Gruppe um
C. serrata ist darüber hinaus derzeit eher umstritten, da inzwischen auch Arten bekannt sind , deren Stylozerit kürzer oder höchstens solang als das 1. Basissegment bzw. in der Bandbreite variabel ist (z.B. C. tumida= eine der Hummelgarnelen).
- Das Telson (Schwanzspitze) mit den den Uropoden (Schwanzfächern)
Hier gilt es die entsprechende Bedornung der Körperteile festzustellen. Gerade die Bedornung der Uropodenfalte kann sehr hilfreich bei der Zuordnung zur Artengruppe sein.
- Die Ausbildung der 3. und 5. Schreitbeine (Pereiopoden). Die Proportionen zwischen dem Propodus (das lange Beinteil) und dem Dactylus (das kurze Ende am Bein) unterscheiden sich je nach Art, innerhalb einer Art ist dieses Merkmal auch mitunter geschlechtsabhängig ausgebildet. Als wichtige Merkmale gilt die Bedornung des Dactylus am 5. Beinpaar. Sie kann artabhängig zwischen unter 20 bis hin zu über 70 Dornen variieren. Selbstverständlich existiert hier (auch je nach Alter) eine in individuelle Bandbreite bzw. Unterschiede zwischen den Geschlechtern.
- Die Proportionen an den ersten beiden Beinpaaren bilden sich in erster Linie auf Basis der überwiegenden Nahrungsaufnahme aus. Hier sind die Größenverhältnisse (Länge, Breite) zwischen Dactylus und Palm, der Chela und Carpus (also der einzelnen Glieder der Beine) von großer Bedeutung.
- Über die Kiemenformel werden viele Gattungen unterschieden. Dieses Merkmal kann nur durch Öffnung des Carapax (die den Vorderkörper abdeckende Schale) untersucht werden. Hierzu zählen auch die fehlenden/vorhanden Kiemenanhänge der Mundwerkzeuge.
- Die Epipoden (wurmartige Kiemenanhänge) an den Schreitbeinpaaren. In der Regel sind bei Caridina-Arten an ersten vier Beinpaaren solche vorhanden. Bei einigen Arten, speziell den Arten aus Sulawesi, aber auch anderen, fehlen diese an den 2. 3. oder 4. Paar.
- Der Pterygostomialwinkel an der vorderen Carapaxkante hat bei
Caridina-Arten (mit einigen Ausnahmen-> babaulti-Gruppe) keinen Dorn. Viele (aber wiederum nicht alle)
Neocaraidina-Arten haben eine solchen kleinen Fortsatz.
-Am unteren Schwanzteil gibt es einen kleinen Huckel, die preanale Carina. Die kann rund ohne Dorn oder eben mit Dorn sein.
- Die Längenverhältnisse zwischen Carapax, Körperlänge und 5. und 6. Abdomensegment (Schwanzteil) spielte insbesondere bei älteren Beschreibungen eine wichtige Rolle.
- Die Liste liesse sich noch fortführen....
Ok, wir haben jetzt die wichtigsten Merkmale erfaßt. Dazu eignet sich ein Mikroskop mit Messokular (für die Proportionen) am besten. Entweder von frisch toten Tieren oder Exuvien, die in 75%igen Alkohol gelagert waren. Das braucht seine Zeit, pro Tier mindestens eine Stunde für einen Kurzcheck, eher mehr. Die genaue Lokation ist nicht natürlich bekannt, in der Regel globalkonkret Großraum Asien

Was nun?
Wir vergleichen also die am Mikroskop erfaßten Daten mit den bekannten Daten aus der Literatur. Allein für die Zwergarnelen komme ich da auf ca. 500 bekannte oder vorrätige Publikationen, in denen auch die Gültigkeit bestehender Arten angezweifelt, in anderen dieses versucht wird zu wiederlegen. Ok, ackern wir uns durch. Ein grober Überblick über die wichtigsten Merkmale der bekannten Arten ist da durchaus hilfreich, um nicht immer von vorn anzufangen. Mit etwas Glück findet sich dann eine Beschreibung, auf die unsere gesuchten Tiere passen. Mit weniger Glück haben wir Tiere vor uns, die zwar in einigen Merkmalen mit bekannten Arten übereinstimmen, in anderen aber komplett aussreissen. Mist! Neue Art, leider nicht als neue Art zu beschreiben, da ja der Fundort nicht bekannt ist. Und die am meisten ähnliche Art ist ja auch nur von einen FO mitten irgendwo aus einem kleinen chinesischen Bach belegt. Andererseits könnte die bekannte oder angegebene Bandbreite aus der betreffenden Art-Beschreibung real durchaus auch höher liegen. Echt frustierend nach stunden- bzw. tagelanger und entgeldfreier Recherche.
Im Ergebnis steht dann oft ein Caridina sp. "cantonensis" oder Neocaridina sp. "heteropoda" und viele denken inzwischen vermutlich, die sind zu blöd eine Garnele vernünftig zuzuordnen.

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Lieber Michael, laß Dich durch meine Worte nicht irritieren. Habe Spass und Freude mit deinen Tieren. Versuche z.B. einmal, die Färbung über den Bodengrund z.B. mit Laub zu beeinflussen und berichte darüber. Aber nach den diversen Anfragen "was habe ich für Garnelen" mußte es einfach mal sein ;-)
liebe Grüße
Andreas